Für einen Judenstern hatte er ihn gehalten, auf die Entfernung. Den Kreis. Den gelben. Den unbeholfen ausgeschnittenen. Den unbeholfen aufgenähten. Den unbeholfen mit drei schwarzen Punkten besetzten. Jetzt stand er vor ihr. Vor ihren bleichen Augen. Vor ihrem weißen Haar, dem strähnigen. Vor ihren welk gewordenen Wangen. N94, dachte er. 20 Minuten Warten, hier im Dunkeln. Hier, wo selbst er kaum mehr erkannte als fahle Schemen. Und sie war alt – und alte Menschen, die brauchte niemand, dachte Sascha. Die leben auf unsere Kosten, dachte er. Falls sie überhaupt lebten. Deshalb hatte er auch keine Augen-OP bekommen, dachte er. Weil die Kasse ja nichts mehr übrig hatte nach all den künstlichen Knien, Hüftgelenken und Herzschrittmachern – die ja schließlich doch nichts taten, als das Sterben der Alten noch ein bisschen länger und immer noch ein bisschen teurer zu machen, dachte Sascha. „Nach Morgentau duftete es.“, sagte plötzlich die Alte. „Und kalt war es. Aber wir hatten ja viele Decken, damals. Wir kannten das ja“. Hatte sie Sascha etwa gehört? „Wir hatten uns gerade geliebt. Noch immer spürte ich seinen warmen Hauch in meinem Nacken. Zumindest träumte ich davon. Oft habe ich von meinem Mann geträumt, damals; und wie er mich berührte. Immer träumte ich von ihm, wenn es die einsamen Strahlen der Morgensonne waren, deren vorsichtiges Streicheln mich an seiner statt weckte.“ Sascha sah sich um. Etwas angeekelt; beschämt. „Die Sonne, deren Schein mich damals schon lange nicht mehr hatte blenden können.“ Alte Irre, dachte Sascha. „Da kam mein kleiner Sohn in meine Kammer gelaufen – Aleks hieß er – und sprang auf mein Bett und rief ,Mama, Mama, ich habe geträumt!‘, immer und immer wieder – er zitterte, so aufgeregt war er.“ Arme, alte Irre, dachte Sascha. Und N94, dachte er. Und setzte sich auf die Bank. Und stellte sein Bier auf den Boden. „,Geträumt habe ich, Mama, geträumt!‘, rief er und konnte sich kaum auf den Beinen halten, so aufgeregt war er“, sagte die Alte. „,Ich bin aufgewacht, in meinem Traum. Aufgewacht bin ich und alles war bunt, Mama, alles! Bunt! Mama, alles war bunt!‘, rief der kleine Aleks und verschluckte sich fast am Sprudeln seiner Worte. ,Ich bin aufgewacht, weil mein Wecker so grün geklingelt hat und die Luft hat sich ganz blau angefühlt, aber weiß hat sie gerochen! Dann habe ich mein Fenster aufgemacht und der Wind war ganz orange. Und mir war plötzlich gelb, also bin ich in die Küche gelaufen und habe ein Glas Wasser getrunken – das hat ganz lila geschmeckt, aber das war gar kein Wasser; Wasser schmeckt nämlich grau, Mama, weißt Du?‘, sagte er.“ Und die Alte hörte auf zu sprechen. Herab vom Himmel stürzte da ein Regentropfen und in Saschas Hand zersplitterte er – in seiner rechten; in der, die offen in seinem Schoß geruht hatte. Rot fühlte er sich an, der Regen. Rot der Regen, denn blau war der Wind. Und wie, als hätte sie nur auf den Schatten ihrer Brüder gewartet stürzte herab nun auch eine Träne – glitzernd – vom Gesicht der Alten. Sascha biss die Zähne zusammen; und kämpfte um sein Gesicht, das ihm schmerzhaft krampfte. Denn der Himmel: das war sein Auge.
2 Kommentare zu “Schwarzes Rauschen”
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Eine tiefe Transformationsgeschichte, schön, ehrlich, mitreißend!
hach, Titus… schön!